Eine Stadt für alle?9 Minuten Lesezeit

Im thüringischen Eisenberg findet seit 3 Jahren ein Stadtfest statt, dessen Name rassistisch kontiert ist. Innerhalb der Stadt finden sich neben dem sog. M*****-Fest auch eine gleich benannte Straße, eine Apotheke und ein Hotel wieder. Zurückzuführen ist diese Benennungen auf die koloniale Vergangenheit. Auch auf dem Stadtwappen und einer Statue auf dem Marktplatz lässt sich dies erkennen, dort steht ein schwarzer, halb nackter Mann mit Goldschmuck und Federkleid auf einem Brunnen. Auf Kritik lässt sich die Stadt weniger ein und rühmt sich eher mit den benannten Orten und Veranstaltungen.

Auf dem Stadtfest steht daher Rassismus auf der Tagesordnung. Die Entstehungssage des Stadtwappens wird hier von schwarz bemalten Kindern mittels Theaterstück nachgespielt. Im M*****-Café werden die Gäste von einem schwarz bemalten Kellner bedient. Seit 2022 ziert die Stadt ein Neues Tattoostudio des Rechtsradikalen David Köckert, welches Neonazis aus der ganzen Region anzieht. Bei einer Fahrt durch die Stadt wird schnell klar, dass hier Nazis meist einfach toleriert werden. An jeder Ecke entdeckt man Menschen, welche Klamotten des rechten Spektrums tragen. Unter anderem fallen Menschen der “Division Thüringen” auf.

Die antifaschistische Gruppe aus dem Saale Holzlandkreis rief deshalb zu einer Kundgebung auf, um “gegen den rassistischen Konsens” vorzugehen. Auf der Kundgebung gab es viele Stände, die beim warmen Wetter zahlreiche Mitmachangebote boten. Beispielsweise konnte Kleidung oder Patches selbst bedruckt und auch Armbänder oder Ketten individuell gestaltet werden.
Neben verschiedenen Redebeiträgen zum Thema wurde dem Rapper „Sonne Ra“ das Mikrophon für die musikalische Untermalung übergeben.

Eine Gruppe der Kundgebung machte sich im Verlauf des Tages auf den Weg zum Stadtmuseum, da der Bürgermeister dort zu einer Ausstellung eingeladen hatte, welche sich mit dem historischen Ursprung des Stadtwappens, so wie der Sage und der Statue befasste. Das Stadtmuseum befindet sich unmittelbar neben der Fläche, wo das M*****-Feste stattfand, sodass alle Beteiligten erst einmal über das Fest laufen mussten. Beim Loslaufen wollte die Versammlungsbehörde der Gruppe erklären, man müsse erst die Kundgebung auflösen, bevor man sich wegbewege. Die Versammlungsleitung blieb allerdings zusammen mit dutzenden Anderen auf der Kundgebungsfläche. Die Polizei wollten zusammen mit der Versammlungsbehörde das Recht einschränken, eine Versammlung zu verlassen und auch wieder zu kommen, wann immer Menschen es für richtig halten.

Auf dem Stadtfest fielen einige Nazis auf, welche szenetypische Kleidung trugen. Direkt zwischen der feiernden Gemeinde sah man T-Shirts von Blood&Honor, Blutzeugen 18, Security Alpha DD und auch Shirts mit schwarzen Sonnen oder dem Aufdruck „White lives matter“.

Innerhalb des Museums wurde eine Diskussion durchgeführt, an der ein Historiker der „Historiker*innen für ein weltoffenes Thüringen“ und ein Stadtarchivar teilnahmen. Dem Gespräch könnte klar entnommen werden, dass man nicht wisse wo der genaue Ursprung der Geschichte entspringt. Das Stadtarchiv wendete ebenfalls die Notwendigkeit ab, sich kritisch mit der Historie auseinander setzen zu wollen. „Google doch“ oder „dafür sind wir als Stadtmuseum nicht gemacht“ lauteten die Ausreden.
Man wolle den Begriff nicht in der Neuzeit darstellen, da dies einen politischen Anstrich bekommen würde. Auch die Möglichkeit, dass die Geschichte aus Kolonialzeiten stammen könnten, wurde abgeschrieben, da man dies nicht beweisen könne. Für die Stadt steht fest, dass diese nicht rassistisch oder problematisch sein könne. Sie würden für eine bunte Gemeinschaft stehen. Politische Stellung wolle man dennoch nicht beziehen, vor allem nicht dann, wenn sich Nazis im näherem Umfeld aufhalten.

Beim Verlassen des Museums hielten einige Teilnehmer*innen Plakate der Demonstration hoch, was die Polizei als Verstoß gegen das Versammlungsgesetz ansah. Spontanversammlungen schienen den eingesetzten Beamt*innen fremd. Stattdessen nahmen sie den spontanen Protest zum Anlass im späteren Verlauf die Kundgebung kurzzeitig abzufilmen und drohte damit, Personalien aufzunehmen.

Die Kundgebung verlief insgesamt entspannt und gelassen. Das friedliche Miteinander wurde nur einmal gestört, als einige Menschen des rechten Spektrums versuchten, über die Veranstaltungsfläche zu laufen, um zu provozieren. Sie wurden relativ schnell zurückgedrängt, ohne dabei körperlich handgreiflich werden zu müssen. Oberhalb der Kundgebung versammelte sich eine kleine Traube an Menschen des rechten Spektrums, die versuchten, weiter zu provozieren. Die Situation entspannte sich jedoch wieder.

Zum Schluss bedankten sich die Organisator*innen bei den beteiligten Organisationen und den Teilnehmer*innen. Sie verkündeten, dass sie nächstes Jahr wieder kommen würden, wenn den simplen Forderungen, wie die Umbenennung des Stadtfestes und die historisch fundierte Aufarbeitung der Stadtgeschichte sowie kritische Informationstafeln innerhalb der Stadt, nicht nachgekommen werde.

Rio Turner

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