„Die Pogrome von morgen verhindern!“8 Minuten Lesezeit

Brandanschlag auf Flüchtlingsunterkunft in Leipzig Grünau

Während in Rostock Lichtenhagen das Gedenken an die Pogrome vor 30 Jahren stattfand, kam es im Leipziger Stadtteil Grünau zu einem weiteren Vorfall.

Am Abend des 26. August 2022 warfen unbekannte Täter*innen mehrere Brandsätze auf die Fassade einer Geflüchtetenunterkunft des Pandechaion Herberge e.V. Glücklicher Weise wurde das dadurch verursachte Feuer kurze Zeit später vom Sicherheitspersonal entdeckt und konnte durch diese gelöscht werde, sodass lediglich leichte Schäden am Sockel des Gebäudes entstanden.

Bild: LZO

Der Pandechaion Herberge e.V. ist ein Verein, der sich zur Aufgabe gemacht hat, neben der Beherbergung geflüchteter und Asylsuchender Personen, eben diese auch bei der Bewältigung der wichtigsten Alltagsaufgaben in Deutschland zu unterstützen und sie sozial zu betreuen. Die 225 Plätze starke Unterkunft in Grünau ist nur eine von insgesamt 13 ihrer Art in Leipzig.

Das Datum scheint nicht zufällig gewählt. Dass genau 30 Jahre nach dem größten Naziangriff seit Ende des NS-Regimes ein Anschlag mit einem sehr ähnlich scheinenden Vorgehen verübt wird, lässt sich nur schwer als zufällige Überschneidung darstellen.

Bereits drei Tage später – Solidarische Demonstration in Grünau

Aus diesem Grund, fand am Montag, dem 29.08. eine Demonstration im Stadtteil Grünau statt. Gegen 18:45 Uhr sammelten sich etwa 1500 Demonstrationsteilnehmer*innen aus verschiedenen Bundesländern an der S-Bahnhaltestelle und dem Platz vor dem Allee-Center.

Es wurden Redebeiträge gehalten, die den Vorfall erläuterten. Irena Rudolph-Kokot, Die Sprecherin des Bündnisses Leipzig nimmt Platz erläuterte, dass die Geflüchtetenunterkunft in der Liliensteinstraße am vergangenen Freitagabend nicht zum ersten Mal Ziel eines (rassistischen) Angriffs geworden war. Im August 1991 randalierte hier, nach einem Störkraft-Konzert, eine Gruppe Neo-Nazis.

In Grünau lebende migrantische Aktivist*innen der Initiative „Perspectives
Grünau“ beschrieben die Umstände unter denen Geflüchtete in Grünau leben müssen und kritisierten fehlende Hilfe aus der Politik. Rassistische Vorfälle sein keine Einzelfälle und stünden in Grünau mittlerweile an der Tagesordnung.

Bild: LZO

Auch Linken-Politikerin Juliane Nagel positionierte sich in einem Redebeitrag nicht nur solidarisch mit den Betroffenen, sondern erläuterte auch die Problematik der aktuellen Situation in der geflüchtete Personen sich in Deutschland befinden. „Wer über Attacken auf Geflüchtetenunterkünfte spricht, darf über das Problem dieser Unterbringungsformen nicht schweigen.“

Nach etwa einer Stunde Kundgebung lief die Demonstration schließlich los und zog mit mehr als 1000 Personen durch Grünaus Straßen. Bereits nach einigen Metern war ein „Ausländer raus!“ Ruf aus einem Fenster der anliegenden Hochhäuser zu hören.

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Trotz des zuvor ausgesprochenen Wunsches der Demoleitung, keine Pyrotechnik zu zünden um den gewünschten Democharakter zu wahren, wurde auf dem Weg ein Bengalo und ein Rauchtopf gezündet.
Die Zwischenkundgebung startete gegen 20:15 Uhr vor der Geflüchtetenunterkunft. Hier forderte der Leiter des Gemeinschaftswohnheims die Zuhörenden auf, nicht nur an diesem Montagabend klare Kante zu zeigen, sondern jeden Tag aufs neue zu zeigen, dass Grünau mit Vielfalt umgehen kann.

Ein Mitglied des Migrant*innenbeirat der Stadt Leipzig kritisierte den vorherigen Einsatz von Pyrotechnik erneut. Es ginge hierbei vor allem darum, dass migrantische Personen ohne Aufenthaltsgenehmigung bei einer Festnahme Gefahr laufen würden, diese nicht zu erhalten und im schlimmsten Fall abgeschoben zu werden, während es für Personen die die deutsch Staatsbürgerschaft besitzen meist lediglich auf eine Geldstrafe hinauslaufen würde.

Weiterhin sprach ein Bewohner der Gemeinschaftsunterkunft, und verdeutlichte noch einmal, dass die Perspektive der Betroffenen die Wichtigste sei und die Probleme, die er und seine Mitbewohner*innen bei der Eingliederung in die Gesellschaft haben, tiefliegende Strukturelle Ursachen haben.

Bild: LZO

Auf dem Weg zur Abschlusskundgebung wurde der Bitte des Wohnheimleiters nachgekommen und keine weitere Pyrotechnik gezündet.
Vor einem Wohnhaus kam es zu kurzem gegenseitigen Anpöbeln der Demonstrationsteilnehmer*innen und einer kleinen Gruppe Augenscheinlicher Anwohner*innen, die aber durch das Einschreiten von Ordner*innen und dann auch der Polizei beendet werden konnten.

Angekommen bei der Abschlusskundgebung war es bereits 22 Uhr, weshalb sich viele Teilnehmer*innen bereits zu beginn auf den Heimweg machten, bevor die restlichen Redebeiträge gehalten wurden. Grünenpolitiker Jürgen Kasek kritisierte hierbei die Reaktionen aus der Politik scharf. So sei es, anders als es Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer beschrieb, kein „Warnsignal“, sondern ein Zeichen, dass zu viele Warnsignale zuvor ignoriert wurden.

Bild: LZO

Diese Aussage wird auch gestützt von einem weiteren Vorfall, der sich ebenfalls am Abend des Angriffs auf das Wohnheim ereignete. Zwischen Freitag Nachmittag und Samstag Morgen, haben laut Polizeimeldung Unbekannte Versucht einen Kindergarten in Brand zu setzen. Der Kindergarten „Entdeckerland“ betreut aus der Ukraine geflüchtete Kinder, war aber zum Zeitpunkt des Angriffes nicht in Betrieb. Durch den Einsatz eines Unbekannten Brandmittels wurde die Eingangstür der Einrichtung beschädigt, zur Entstehung eines größeren Brandes kam es allerdings nicht.

LZO Redaktion

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